Akademisches Blasorchester München

Programm 1997

Kabalewski, Ouvertüre zu Colas Breugnon
Arutjunjan, Trompetenkonzert
Solo: Rainer Hauf
Prokowjew, Leutnant Kijé Suite Op. 60
(Uraufführung der Neuorchestration von Joseph Kanz)
*
Reed, 5. Suite for Concert Band
Ellerby, Paris Sketches

Leitung: Michael Kummer


Konzerte

28. Februar 1997, Aula des Gymnasiums Gilching
1. März 1997, Hotel Post, Bad Wiessee
2. März 1997, München, Kulturzentrum Gasteig, Carl-Orff-Saal


NEU: Lesen die Kritik für CLARINO von Ferdinand Mahl

Gedanken über die Werke im Programm ABO 1997

Das Akademische Blasorchester München besteht 1997 für 20 Jahre. Dieser Jubiläumsgedanke hat natürlich die Überlegungen des stolzen Vaters hinsichtlich der Programmgestaltung beeinflußt. Ganz im Vordergrund stand dabei der Wunsch, durchwegs Werke mit positiver, ja optimistischer Grundhaltung zu kombinieren, die neben unzweifelhafter musikalischer Qualität von hohem Unterhaltungswert sein sollten.

Der erste Teil vereint drei Komponisten aus der alten Sowjetunion, die sich in jedem Werk die Aufgabe gestellt hatten, ihre Mitmenschen mit leicht zugänglicher doch gleichwohl zeitgenössischer Musik zu erfreuen. Dmitri Kabalewski schrieb seine Oper Colas Breugnon im Jahre 1937 nach einer Romanvorlage von Romain Rolland. Die Geschichte spielt im Frankreich des 16. Jahrhunderts und erzählt die Anstrengungen von Colas den grausamen Herzog von Clamecy abzusetzen. Colas wird so zu einem burgundischen Robin Hood, der gleichzeitig Narr und Philosoph, Weinbauer und Künstler ist. Die Ouvertüre bringt den Hörer unmittelbar in die Stimmung der darauf folgenden Handlung und schleudert ihm buchstäblich in den ersten Akt der Oper.

Der sowjetisch-armenische Komponist Alexander Arutiunjan wurde im Westen wohl nur mit einem Werk bekannt, seinem im Jahre 1951 (?) entstandenen Trompetenkonzert. Er hat dieses Konzert für einen herausragenden Künstler, den Trompetenvirtuosen Timofej Dokschitzer, verfaßt, der das Stück nach seiner Emigration in die USA sehr populär gemacht hat. Die klassische dreisätzige Form wurde vom Komponisten kunstvoll erweitert und alle vier Hauptabschnitte gehen nach einer Einleitung nahtlos ineinander über. Sowohl für den Solisten wie auch das Orchester erweist sich das Konzert als ein virtuoses Meisterwerk ersten Ranges. Der Solist Rainer Hauf ist dem Orchester schon seit Jahren verbunden. Er lebt nach einem erfolgreichen Studium bei einigen namhaften Münchner Trompetern an der Münchner Musikhochschule in Lauingen im Raum Augsburg und bildet sich derzeit in der Meisterklasse von N.N. fort.

Der bekannteste der drei, Sergej Prokowjew verfaßte im Jahre 1934 als sein Opus 60 die Musik zu dem satirischen Spielfilm Leutnant Kijé aus der er später die bekannte Suite für Sinfonieorchester zusammenstellte. Der Film macht sich mit drastischen Mitteln über die Macht der stets zur Eigendynamik tendierenden Bürokratie lustig und erzählt die Geschichte eines Leutnants, der sein "Leben" einer Schlampigkeit auf einer Schreibstube einer Kaserne verdankt. Obwohl er nur auf dem Papier existiert macht er erstaunliche Karriere, heiratet sogar und muß schließlich unfreiwillig wieder aus dem Leben scheiden, da eine Revisionskommission aus dem fernen Moskau den ganzen Schwindel auffliegen zu lassen droht. Obwohl im zaristischen Rußland angesiedelt enthält der Film auch eine Menge Zeitsatire, die durchaus auf die damals aktuellen Zustände der noch weniger als 20 Jahre alten Sowjetunion anspielte. Prokowjew erweist sich in diesem Werk einmal mehr als Großmeister der musikalischen Karikatur. Er verbindet Militärmusikfloskeln mit Elementen aus der russischen Volksmusik zu einem im höchsten Grade inspirierten und anregenden Werk, das sich seinen festen Platz im internationalen Repertoire nicht zu Unrecht erobert hat. Die kongeniale Umsetzung für symphonisches Blasorchester von Joseph Kanz erklingt zum ersten Male.

Im zweiten Teil erklingt Musik neuesten Datums, welche aber gleichwohl voll unter den eingangs postulierten Kriterien zu werten ist. 1995 veröffentlichte der mittlerweile auch bei uns bekannt gewordene amerikanische Komponist Alfred Reed seine 5. Suite für Blasorchester mit dem Untertitel Internationale Tänze. Er schrieb das Werk für das japanische Shimonoseki Wind Ensemble und brachte aus diesem Anlaß auch original japanische Melodien in den 3. Satz der Suite. Die anderen drei Sätze präsentieren typische Tanzweisen aus Amerika, Frankreich und Israel. Letzterer ist eine aus Rumänien stammende Hora, welche mit stilistischen Elementen der sogenannten Klezmer-Klarinettenspielweise angereichert worden ist.

Das große Finale des Jubiläumskonzertes stellt die 1994 entstandenen Paris Sketches des englischen Komponisten Martin Ellerby dar. Dieses farbenfrohe Werk fängt in vier Sätzen die Atmosphäre verschiedener Stadtteile von Paris ein und widmet jeden einem berühmten Komponisten, der dort sein Leben verbracht hatte. So wird im ersten Satz - Saint Germain-des-Prés - mit der musikalischen Darstellung eines Sonnenaufganges der Geist Maurice Ravels beschworen. Der zweite Satz - Pigalle - ist ein burlesque Ballett-Scherzo in einem humoristischen "Strawinkski trifft Prokowjew"-Stil. Erik Satie liegt auf dem Friedhof Père Lachaise, der gleichnamige dritte Satz ist eine posthume Referenz an dessen Gymnopedies - der Ruhepunkt in dem sonst so übersprudelnden Werk. Diese Haltung kommt aber im letzten Satz - Les Halles - wieder voll zum Tragen und bringt als Höhepunkt des Werkes ein Zitat des hier in der Kirche St. Eustache 1855 uraufgeführten Te Deums von Hector Berlioz.

Grünwald im Dezember 1996 - mk