Akademisches Blasorchester München

Programm 1999

J. S. Bach, Präludium, Choral und Fuge (Ed. Hindsley)
Claude T. Smith, Variations on a Hymn by Louis Bourgeios
Alfred Reed, Russian Christmas Music
*
James Barnes, Impressions of Japan
Yashuide Ito
, Gloriosa

Leitung: Michael Kummer


Konzerte

5. März 1999, Aula des Gymnasiums Gilching
6. März 1999, Hotel Post, Bad Wiessee
7. März 1999, München, Kulturzentrum Gasteig, Carl-Orff-Saal

Beginn jeweils 20 Uhr


Kartenbestellung bei

Helge Dyk, Tel: (089) 66 11 44
oder Telefax: +49 89 66 47 81
oder via eMail
kummer@muc.de


Gloriosa - einige Gedanken zum Programm
des Akademischen Blasorchesters München 1999

Zwei recht unterschiedliche Gedankenstränge wollte ich in der aktuellen Programmgestaltung unter den gemeinsamen Nenner »Gloriosa« bringen. Der eine ist Musik nachzuspüren, die sich mit liturgischer Musik oder religiösen Inhalten auseinandersetzt, der andere Musik des Abendlandes mit solcher aus Japan zu kontrastieren und im Schlußwerk mit dem Titel des ganzen Programmes zu einer Synthese zu bringen.

So finden sich im ersten Teil drei Werke, die alle mit liturgischer Musik zu tun haben bzw. Sich auf sehr unterschiedliche Weise damit auseinandersetzen. Den Anfang macht eine Transskription von zwei Meisterwerken des großen Barockkomponisten Johann Sebastian Bach. Unter dem Titel »Präludium, Choral und Fuge« wird der berühmten »großen« g-Moll Orgelfuge in der Bearbeitung des bedeutenden Bachforschers Abert mit einem von ihm stammenden Choral kombiniert ein Präludium, das 4. In cis-Moll aus dem »Wohltemperierten Klavier« vorangestellt. Beide Kompositionen sind Höhepunkte in Bachs großem Œuvre und ergänzen sich auf hervorragende Weise. Die Transformation in die »lebende Orgel«, wie das Blasorchester immer wieder genannt wird, ergibt ein plastisches Bild von Bachs klanglicher und struktureller Vorstellung von Musik, die den sakralen Raum mit seiner ihm eigenen Akustik in Rechnung stellt. Das zweite Stück könnte gegensätzlicher nicht sein, obwohl auch ihm eine Melodie zugrunde liegt, die genuin dem kirchlichen Raum verbunden ist. In den siebziger Jahren schrieb der leider viel zu früh verstorbene Amerikaner Claude T. Smith für den Leiter des US Marine Musikkorps Washington “The Presidents Own” Lt. Col. Louis Bourgeois ein Stück das sich auf einen Choral eines Namensvetters des Widmungsträgers aus dem Frankreich des 17. Jahrhunderts bezieht. Es trägt den Titel »Variations on a Hymn by Louis Bourgeois« und verarbeitet den in angelsächsischen Landen höchst beliebten »The Old Hundreth«. Trotz dieser alten kirchlichen Melodie, die der Autor zweimal wörtlich zitiert, das 2. Mal am Ende der Kompositions allerdings klanglich ziemlich verändert, gelingt Smith ein schwungvoll-virtuoses in allen Farben des Mediums funkelndes Paradestück, das sich einer sehr originellen und durchaus moderen Klangsprache erfreut. Die historische Vorlage erweist sich also als Mittel einer Brechung durch die Tonsprache unserer Zeit und wird so ganz im Sinne Berthold Brechts mit dem Resultat einer faszinierenden Komposition verfremdet. Das dritte Werk gehts nun nochmals sehr anders mit liturgischer Musik um, nicht die Verfremdung interessiert den Komponisten, sondern die Umsetzung und Verdichtung, ja beinahe Neuschöpfung einer Musik, die im Vorbild rein vokal ist, mit den Mitteln eines symphonischen Instrumentalapparates. Die orthodoxen Gesänge des Weihnachtsliturgie inspirierten Alfred Reed zu seiner »Russian Christmas Music«, einem seiner vermutlich besten Werke für das Blasorchester. Heraus kam nun keinesfalls eine exklusiv auf Weihnachten bezogene sentimentalisierte Zuckerbäckermusik sondern vielmehr der gelungene Abstrakt der grandiosen Klanglichkeit östlicher Kirchenmusik. Wie immer zieht Reed alle Register seiner imponierenden Instrumentationskunst und es gelingen ihm herrlich kantable Linien und imposante Steigerungen.

Der zweite Teil verbindet zwei Kompositionen mit fernöstlicher Provenienz - das Werk eines Amerikaners über Japan und das eines Japaners. Die faszinierende Frage, wie sich denn “japanisches” in der Musik dingfest machen läßt führt im vorliegenden Falle wohl eher in die Irre - eine zufällige Hörerschaft würde wahrscheinlich das amerikanische Stück als das originale klassifizieren. James Barnes gelingt es in besonders beeindruckender Weise mit seinen dreisätzigen »Impressions of Japan« seine starken Eindrücke einer Reise in das ferne Kaiserreich einzufangen. Obwohl er nur traditionelle Instrumente des “Abendlandes” verwendet, breitet sich vom ersten Takt an unmittelbar eine Klanglichkeit aus, die den geneigten Hörer sofort in ihrer Bann schlägt. Pentatonik. Der Einsatz von Flöten und reichlich Schlagzeug machen uns zu neugierigen und aufgeschlossenen Mitreisenden in einer atemberaubend exotischen Welt. Ganz anders hat der Komponist Yashuide Ito keinerlei folkoristische Vorstellungen bei seinem »Gloriosa« im Kopf. Ito bezieht sich bei diesem relativ neuen Werk auf die Historie seiner Heimat und versucht diese in durchaus “internationaler” Klangssprache umzusetzen. In ebenfalls drei Sätzen wird die Geschichte der japanischen Christen und ihrer Verfolgung in der Epoche der Samurai in eindringlichen Klangbildern geschildert. Der erste Satz »Oratio« bringt einen traditionellen gregorianischen Choral, den die missionierenden Jesuiten mitgebracht haben und schildert in der Variationenform der Chaconne die einsetzende Verfolgung in immer drastischer werdender Klanglichkeit und Struktur. Der zweite Satz »Cantus« bringt die mit einer japanischen Bambusflöte, einer Ryëteki gespielten überlieferten Melodie die ergreifende Klage eines der Verfolgten aus der sich ein immer größer werdender Strom des Klagens aber auch des Anklagens und des Widerstandes aufbaut. Der folgende »Dies Festus« führt die tragische Auseinadersetzung zum schließlich triumpfalen in grandiosem D-Dur strahlenden hymnischen Abschluß - der groß angelegte Spannungsbogen hat sich im »Gloriosa« der klingenden Musik geschlossen.

MK im November 98