Die Deutsche Bläser Philharmonie -
Das erste überregionale Orchester

Orchesterportrait aus der Zeitschrift CLARINO 4/97 von Cornelia Wagner

Sie ist anders als andere sinfonische Blasorchester, in vielfältiger Hinsicht: die Deutsche Bläserphilharmonie. Sie ist frei und ungebunden, weder einem traditionellen Musikverein noch einem regionalen Musikverband verpflichtet. Ihre etwa 60 Mitglieder kommen aus ganz Deutschland, von Bremerhaven bis zum Bodensee oder Bonn bis Berlin, und bilden damit das erste überregionale, eben deutsche sinfonische Blasorchester. Mehr als die Hälfte von ihnen sind Profis, studierte Orchestermusiker, Musiklehrer und -Studenten, ergänzt durch junge, spielbegeisterte und -begabte Laien. Sie alle vereint die Faszination an und die Liebe zu einem deutschlandweit immer noch völlig unterrepräsentierten Zweig der Bläsermusik. Doch wie findet ein solches Ensemble zusammen?

Entstanden aus den Eifeler Musiktagen

Die Wiege der Deutschen Bläserphilharmonie stand in der Eifel, in einem kleinen Ort namens Bollendorf an der luxemburgischen Grenze. Dort rief Eckhard Braun, heute Justitiar des Leipziger Kulturdezernenten, in den achtziger Jahren den »Verein Eifeler Musiktage« mit seinen musikalischen Fortbildungskursen für Sinfonieund sinfonisches Blasorchester ins Leben. Aus letzterem entwickelte sich später die Bollendorfer »Osterakademie für sinfonisches Blasorchester«.

Einer der Dirigenten dieser Fortbildungskurse war und ist Michael Kummer, unter anderem Dirigent des Akademischen Blasorchesters München und langjähriger Bundesdirigent des Musikbundes Ober- und Niederbayern. In der Zusammenarbeit von Braun und Kummer wurde Anfang der neunziger Jahre die Idee der Gründung eines überregionalen, hochkarätigen »Wind-Ensembles« geboren, um das enorme Potential an Bläsern in den Akademien und Lehrgängen zu nutzen. Man wollte diesen vielen enthusiastischen und qualifizierten Leuten, die in ihrer Heimatregion oft nicht die Möglichkeit haben, ihren Interessen nachzugehen, ein Forum mit professionellem Niveau weit über die Lehrgangsorchester hinaus bieten.

Im Januar 1992 war es dann soweit: Etwa 45 Musikerinnen und Musiker trafen sich in Bollendorf, um die Deutsche Bläserphilharmonie zu konstituieren. Die Leitung übernahm Michael Kummer gemeinsam mit dem in England gebürtigen David Gilson, heute Städtischer Musikdirektor und Kapellmeister der Stadtkapelle Sigmaringen und wie Kummer Dirigent in Bollendorf und anderen internationalen Kursen und Seminaren. Drei weitere Probenphasen mit anschließenden Konzerten in jenem Jahr - zwei in Grünwald bei München, eine in Hannover - hauchten dem Orchester Leben ein, nicht ohne Erfolg: Publikum und Rezensenten waren begeistert.

Private Organisation und viel Idealismus

Seither wurden jedes Jahr zwei bis drei einwöchige, intensive Arbeitsphasen initiiert, und es erwies sich dabei als großer Vorteil, nicht regional gebunden zu sein. Nicht nur das Potential an Spieler(inne)n ist nämlich erheblich größer, verglichen mit regionalen Orchestern, sondern auch die Möglichkeiten zur Konzertgestaltung. Zwar blieb man der Eifel mit einem jährlichen Konzert als Höhepunkt der Osterakademie treu, ansonsten setzte man sich jedoch keine Grenzen. Die Deutsche Bläserphilharmonie reiste musizierend von Cloppenburg und Hannover bis nach Sigmaringen und München, von Trier bis nach Kassel, allerdings nie als Selbstveranstalter, sondern immer zu Konzerten mit festem Honorar, um finanziell abgesichert zu sein.

Hier zeigt sich freilich eine Kehrseite der Unabhängigkeit. Im Gegensatz zu regional gebundenen Orchestern stehen der Deutschen Bläserphilharmonie keinerlei öffentliche Mittel zu, weil sich die Kultusministerien der Länder naturgemäß nicht zuständig fühlen. So sind die meisten Arbeitsphasen auf private Organisation und Trägerschaft, Eigenbeteiligungen aller Mitglieder und eine große Portion Idealismus angewiesen. Die Dirigenten arbeiten dazu unentgeltlich, ebenso wie der Vorstand.

Von allen Beteiligten verlangt diese Organisationsform also ein hohes Maß an Interesse und Begeisterungsfähigkeit. Eine gewisse Kontinuität ist mittlerweile jedoch gesichert, da der Verein »Eifeler Musiktage e.V.« zur Osterphase 1995 die ideelle und finanzielle Trägerschaft der Deutschen Bläserphilharmonie übernommen hat. Allerdings arbeitet diese weiterhin inhaltlich unabhängig und im Rahmen eines kleinen Etats selbständig.

»Missionarsarbeit«

Viele der Konzerte der Deutschen Bläserphilharmonie sind professionell aufgezeichnet worden, und auch der SDR hat schon an die Tür geklopft. Seine Aufnahme in Sigmaringen 1995 mit Philip Sparkes Bubilee Overture« und Guy Woolfendens »Illyrian Dances« enthält auch das erste Werk mit solistischer Besetzung, das das Orchester in sein Repertoire aufgenommen hat: Alfred Reeds »Seascape«, eine Rhapsodie für Euphonium und Orchester. Einen weiteren Höhepunkt der bisherigen Aufführungen stellt die Zusammenarbeit mit Rolf Rudin Ostern 1995 in Prüm dar. Mit seiner Tondichtung »Bacchanale«, in Anwesenheit des Komponisten einstudiert und aufgeführt, setzten die Bläserinnen und Bläser nicht nur für sich ganz neue Akzente. Ihre musikalische und technische Versiertheit, ihre Homogenität und sensibelste Gestaltungsfähigkeit ließ die Musik wahrhaft unter die Haut gehen und bescherte ein überwältigendes Hörerlebnis.

Genau hierin sieht die Deutsche Bläserphilharmonie auch ihre Hauptaufgabe: die Herzen des Publikums zu erobern und zu vermitteln, wie energiegeladen, farbenfroh und mitreißend sinfonische Blasmusik und wie wertvoll das Medium Blasorchester ist. Die Notwendigkeit einer solchen musikalischen Standortfindung in Deutschland erwächst aus der Tatsache, daß Blasmusik immer noch allzuoft als Synonym für gesellige Volksmusik gilt. Hier möchte man ansetzen und seine Zuhörer behutsam und mit Bedacht »erziehen«. Eine solche Missionarsarbeit läßt sich natürlich weder durch Wettbewerbsteilnahmen noch durch Auftragsmusik (die allenfalls ein Spezialpublikum züchtet) leisten. Auch sind Werke mit höchstem musikalischem Wert, wie zum Beispiel Ernst Tochs »Spiel für Blasorchester« oder Paul Hindemiths »Sinfonie in B«, nicht unbedingt geeignet, will man seine Zuhörer dort abholen, wo sie sich befinden. Das bedeutet andererseits natürlich nicht, daß man sich nur an Repertoireknüllern entlanghandelt.

Vielmehr sind neben dem publikumsadäquaten »Neugierigmachen« und der Anregung zum Wiederbesuch die Präsentation der ganzen Bandbreite der einschlägigen Literatur und die Auswahl passend zur Besetzung für das Programm entscheidend. Dabei kommt der Deutschen Bläserphilharmonie im Gegensatz zu manchem regionalem Orchester zugute, daß sie über ein exzellentes spielerisches Niveau in allen Stimmen und Registern verfügt. Differenzierte Werke mit kammermusikalischer Durchsichtigkeit, zum Beispiel Darius Milhauds »Suite Française« oder Johan de Meijs »Lord of the Rings«, sind hervorragend realisierbar, weil das Orchester eine Transparenz erreicht, die man normalerweise nicht erlebt. Und extrem virtuose Stücke, die an die bläserische Substanz gehen, können mit entsprechendem technischem und musikalischem Schliff ebenso gelungen gestaltet werden.

Zwei Dirigenten, zwei musikalische Sprachen

Genau dieses hohe spielerische Niveau reizt auch die beiden Dirigenten, worin sich wiederum eine Besonderheit des Orchesters zeigt. Es verfügt mit Michael Kummer und David Gilson über zwei Leiter und damit »vier« feste Standbeine. Die Zusammenarbeit zwischen den beiden hat sich in den vergangenen fünf Jahren als sehr tragfähig und fruchtbar erwiesen. Während bei nur einem Dirigenten ein Nachlassen der Intensität über Jahre und Jahrzehnte quasi vorprogrammiert ist, empfinden sie ihr Kollegium als anregend und beflügelnd, was den Dirigierstil, die Programmauswahl oder die Klangideale betrifft. Und natürlich färbt eine so gut funktionierende Teamarbeit auch auf das Ensemble ab, sorgt für hohe Motivation. Konsequenz der Zweigleisigkeit: Es entwickeln sich fast selbstverständlich auch zwei verschiedene Klangkörper aus dem Orchester. Die charakteristische Klangfarbe mutiert, vielschichtig präsentieren sich hier Artikulation und Phrasierung, vielfarbig die melodische Gestaltung und der dynamische Ausdruck. Zwei Handschriften, die sich eben nicht reproduzieren, sondern sich abwechseln und ergänzen, sind nicht nur für Außenstehende auffällig und reizvoll, sondern für die Musiker selbst das Salz in der Suppe. Für den einzelnen bedeutet dies natürlich auch mehr Arbeit, verlangt hohe Aufnahmebereitschaft und Disziplin. Aber es läßt sich auch viel mehr lernen und mit nach Hause nehmen.

Mitnehmen können wird man in Zukunft auch noch ganz neue Erfahrungen. Die Zusammenarbeit mit international renommierten Solisten und Komponisten ist anvisiert. Erstes Projekt ist die gemeinsame Konzertgestaltung mit dem Euphoniumspieler Steven Mead in Wittlich und Dudelange (Luxemburg) am 4. und 5. April 1997 (Anm. der Red.: Konzertkritik folgt in der nächsten Ausgabe). Auch Rolf Rudin hat Interesse an einer weiteren gemeinsamen Arbeit bekundet. Außerdem plant die Deutsche Bläserphilharmonie, auch einmal in reduzierter Besetzung, zum Beispiel für Richard Strauss' »Serenade«, aufzutreten und eigenen Mitgliedern die Möglichkeit zu bieten, sich solistisch zu profilieren. Dererlei Klangabwechslungen sind bekanntlich in Sinfonieorchestern gang und gäbe.