Interview mit dem Leiter Michael Kummer anläßlich 20 Jahre ABO

Red.: Herr Kummer, das Akademische Blasorchester München wird heuer 20 Jahre alt. Wir würden von Ihnen gerne ein wenig zu seiner Entstehungsgeschichte hören.

Mk: Nunja, die Anfänge sind sogar noch ein wenig älter. Ausgangspunkt war eigentlich ein Musikerstammtisch im Weißen Bräuhaus in München, wo sich einige Studenten nach ihrer Dienstzeit beim Musikkorps allwöchentlich trafen. So um das Jahr 1974 rum wurde da der Gedanke entwickelt, nach dem Vorbild des Militärs ein "ziviles" Ensemble zu etablieren, unter anderem auch aus der Überlegung heraus, daß die Ehemaligen ja vielleicht auch weiter gerne zusammen Musik machen wollten.

Red.: Wurde aus diesen Gedanken damals auch etwas Konkretes? Schließlich braucht man da ja schon einige Voraussetzungen und muß ziemlich Energie einsetzen.

Mk: Tatsächlich gelang es damals zumindest für kurze Zeit ein kleines Orchester zu etablieren. Ich erinnere mich noch gut an die erste Probe - vier wackere Mannen trafen sich in einer wahrhaft abenteuerlichen Besetzung - Piccoloflöte, Oboe, Euphonium und Tuba - und probten in einem Pfarrsaal der evangelischen Kirche an der Nymphenburger Straße zwei Stunden lang.

Red.: Sie waren damals schon dabei?

Mk: Ich war der Tubist. Das Instrument war ich gerade dabei zu erlernen und aus gegebenen Anlaß mußte ich sogleich spielen, was übrigens einen erheblichen Übemotivationsschub ergibt, vor allem, wenn man der Einzige ist. Die Leitung hatte der Flötist (und gelernte Kapellmeister) Joseph Kanz, späterer Leiter des Hessischen Polizeimusikkorps in Wiesbaden, mit dem ich meine Studentenwohnung teilte. Die ursprüngliche Idee ist wohl auch hauptsächlich auf unserem "Mist" gewachsen.

Red.: Und wie ging das dann weiter? Wurden neue Leute dazu gewonnen?

Mk: Von Anfang an waren wohl so um die 15 Mitwirkende dabei, nur bei der ersten Probe, die sicher sehr kurzfristig angesetzt wurde, konnten halt nicht mehr. Im Laufe der Wochen und Monate wurden es dann so etwa 25. Wir probten regelmäßig im Probenraum des Motettenchores unter der Matthäuskirche und hatten auch ein paar kleinere Auftritte, wie etwa die Installation des neuen Pullacher Pfarrers im Frühjahr 1975 (siehe das obige Bild - hier ist rechts der damalige Leiter Joseph Kanz und ganz links mit Helikon Michael Kummer zu sehen)

Red.: Wieso eigentlich "Akademisches" Blasorchester? Oder kam der Name erst später?

Mk: Nein, nein, das war gleich von Anfang an. Die Namensfindung für ein neues Ensemble scheint ja immer ein Problem zu sein. Wir haben damals auch ziemlich lange rumgesucht und sind schließlich beim Akademischen gelandet. Aufhänger war, daß ja fast alle Mitwirkenden studierten und außerdem bewirkte der Name, in alphabethischen Listen immer am Anfang zu stehen. Später sollte es sich noch als sehr passend herausstellen, da die Konzerte dann in der großen Aula der Universität stattfanden.

Red.: Bis dahin wars ja noch ein längerer Weg. Zunächst jedoch verschwand das erste Blasorchester doch wieder von der Bildfläche.

Mk: So ist es. Nach einem guten Jahr mehr oder weniger regelmäßiger Probenarbeit und einigen kleinen Auftritten zeigte es sich, daß die gefundene Struktur nicht funktionstüchtig war.

Red.: Die üblichen Streitereien?

Mk: Eigentlich weniger. Das Hauptproblem war, daß die meisten Spieler einfach zu viel zu tun hatten, als daß sie regelmäßig jede Woche einmal zusammentreffen konnten. Außerdem war eigentlich kein klares Ziel erkennbar,wo es denn hingehen sollte. So tröpfelte es dahin und letztendlich wollte dann keiner mehr so recht.

Red.: Zu Beginn des Sommersemesters 1978 kam es dann aber doch zu einem Neuanfang mit einem Konzert unter Ihrer Leitung.

Mk: Ich hatte mich mit dem Scheitern nie so recht abgefunden und war der Meinung, daß wir es nur falsch gemacht hatten. Ich dachte, vor allem müßte man es genau anders herum aufziehen. Nicht mehr oder weniger planlos herumproben, sondern ein klares Ziel fixieren und dieses realisieren. Ich habe so auf eigene Rechnung den Konzertsaal der Musikhochschule gemietet und versucht, die benötigten Spieler für einen sehr kompakten Probenplan zu finden, was mir kraft vieler Kontakte beim eigenen Musizieren dann auch geglückt ist.

Red.: Das Konzert war dann ein voller Erfolg.

Mk: Nun, das kann man nicht gerade sagen. Die Zeit für Werbung war sehr kurz und so hatten wir nur etwa 100 Besucher. Trotz guter Aufnahme beim Publikum wars vom finanziellen her natürlich ein Fiasko. Ich hatte am Ende 800.- Verbindlichkeiten, die ich privat zu bezahlen hatte - nicht wenig für einen Studenten. Schlimmer noch, ein zweiter Versuch nach einem halben Jahr - ermutigt durch die Begeisterung der Mitwirkenden - scheiterte völlig. Der gemietete Saal - diesmal die große Aula der Universität - war trotz fester Zusage ganz kurzfristig nicht zugänglich und alle Verlegungsversuche scheiterten. So hatte ich am Ende nurmehr die Möglichkeit die erschienenen Konzertbesucher unverrichteter Dinge wieder nach Hause zu schicken.

Red.: Das hört sich ja an, als wäre die Sache damit an einem Ende angekommen. Sie ließen sich jedoch nicht entmutigen.

Mk: In der Tat wartete ich zunächst einmal ab, daß ich mich finanziell erholen würde und dachte nach, was ich vom Prinzip her verkehrt gemacht hatte. An Ende wurde mir klar, daß ich einfach zu kurzfristig gedacht und geplant hatte. Ein Jahr später - nunmehr mit einem halben Jahr Vorlaufzeit - startete ich den nächsten Versuch und jetzt klappte es. Die Konzerte wurden danach zu einer festen Einrichtung und wurden jeweils zu Beginn des Sommersemesters in der Aula abgehalten. Der Zuspruch wurde bald so groß, daß das Konzert an zwei aufeinander folgenden Tagen gespielt werden mußte, Spitzen- besucherzahlen kamen auf etwa 1300 Zuhörer an beiden Tagen zusammen.
(Die Fotografie zeigt das Konzert von 1985 in der großen Aula der Universität München. Immerhin war in diesem Jahr schon ein brauchbares Podium installiert. Leider befand sich über der Bühne eine mehr als unschöne Projektionsleinwand, denn die Aula wurde auch für Lehrveranstaltungen genutzt)

Red.: Wie finanzierte sich denn nun das Ganze?

Mk: Das Grundprinzip war - und ist - daß jeder der Beteiligten ohne Gage spielt, auch der Dirigent erhält kein Honorar. Anders läßt sich ein Apparat dieser Größe nicht auf nicht-professioneller Basis am Leben erhalten. Die Konzerte waren damals kostenlos - eine Auflage der Universitätsverwaltung - und die durchgeführten freiwilligen Spendensammlungen deckten in etwa die Unkosten, die bei einer Konzertveranstaltung sonst noch anfallen, wie etwa Werbekosten oder Programme.

Red.: Ihre Programmgestaltung hat sich im Laufe der Jahre ziemlich massiv geändert. Was war damals so auf den Programmzetteln gestanden?

Mk: In den ersten 10 Jahren haben wir fast ausschließlich Bearbeitungen von Werken der unterhaltlichen symphonischen Literatur gespielt. Da gab es die Meistersinger-Ouvertüre, Griegs Peer Gynt, Bizets Arlésienne Suiten oder Dukas' Zauberlehrling um mal einige zu nennen. Auch Solowerke standen immer wieder auf dem Programm. Interessanterweise können Liebhaber- Symphonieorchester solche Dinge ja nur spielen, wenn sie sehr gut sind. Und das war auch für mich immer sehr reizvoll, zu zeigen, was mit dem Blasinstrumentarium denn so alles möglich ist. Außerdem komme ich ja von der klassischen Musik her und so war meine Repertoirekenntnis der originalen Blasmusik eher begrenzt. Und dem gängigen Klischee der Blaskapellen mit ihren Märschen und Polkas wollten wir nicht folgen. Das war eine ganz andere Schiene. Nein, das ABO sollte eine Art besonderes Symphonieorchester sein, - halt mit einem anderen Instrumentarium. (Das Photo zeigt das ABO bei seinem 11. Konzert in der Mehrzweckhalle Rohrdorf.)

Red.: Soviel einmal zur Geschichte. Wie sieht es denn heute aus? In der großen Aula der Universität spielen Sie ja heute nicht mehr.

Mk: Im Laufe der Jahre hat sich eine ganze Menge geändert. Zum einen kam ich zu Beginn der 80er Jahre durch Studienaufenthalte in England mit Literatur in Berührung, die mich von Anfang an fasziniert hatte und die bei uns kaum gespielt wurde. Im anglo-amerikanischen Bereich bildete sich vornehmlich an den US-Universitäten eine Blasmusikkultur von sehr hohem Niveau. Ich lernte Komponisten wie Percy Grainger, Norman dello Joio, John Barnes Chance, Gustav Holst, Ralph Vaughan Williams, Edward Gregson oder Philip Sparke, um nur mal ein paar zu nennen, kennen und entdeckte für mich Musik mit einem sehr hohen künstlerischen Potential. Ich fand, das ist die Literatur, die es bei uns nicht gibt, ein Bindeglied zwischen sog. U- und E-Musik, also ernsthafte Musik mit einem sehr hohen Unterhaltungswert.

Red.: Und solche Werke brachten Sie nun in Ihre Konzertprogramme. Wie reagierte das Publikum, wie die Musiker?

Mk: Bei den Musikern setzte sich das "Neue" unmittelbar und ohne Reibungsverluste durch, einfach weil diese Musik wunderbar und mit hohem Wirkungsgrad zu musizieren ist. Niemand mußte jetzt auf einer Klarinette eine Violine imitieren, alles war direkt in die Instrumente hineingeschrieben und es klang. Für das Publikum wars - und ist es - sicher schwerer. Hier gibt es kaum bekannte Werke, also solche Selbstläufer wie sie in der symphonischen Musik sonst zu finden sind. Alles ist neu und daher erst einmal bekannt zu machen. Leider zeigt die gesamte Musikgeschichte, daß auch der kulturell Interessierte hier seine Schwierigkeiten hat und der Satz "Was der Bauer net kennt..." nur zu oft seine Berechtigung hat.

Red.: Wer ist denn heute Ihr Publikum?

Mk: Mittlerweile gibt es einen bescheidenen Kreis der Anhänger, meist wohl aus dem Bekanntenkreis der Mitwirkenden rekrutiert. Als Beispiel war letztes Jahr des Carl-Orff-Saal im Gasteig restlos ausverkauft - ein Ergebnis, das sicher zu Optimismus Anlaß gibt. Der hier beschriebene Mechanismus ist ja nicht München-spezifisch. Auf der ganzen Welt besteht das Bläser-Publikum zum überwiegenden Teil aus Spezialisten und sehr oft aus Leuten, die selber ein Blasmusik spielen und aus der Szene kommen. Ich denke, die Aktiven von heute - das wird das Publikum der Zukunft, aber leider erst morgen. Die Entwicklung ist eine der kleinen Schritte. Eigentlich schade, denn im Gegensatz zu vielem Color Zeitgenössischen auf der E-Szene finden sich in dieser Gattung wirklich viele leicht konsumierbare Stücke, die einem offenen Hörer auch den Zugang zu noch ganz anderen Welten öffnen könnten.

Red.: Sie spielen heute im Kulturzentrum Gasteig, zu früheren Zeiten ein ziemlicher Aufstieg. Haben Sie auch im organisatorischen Veränderungen vorgenommen, oder müssen Sie heute noch alles aus eigener Tasche finanzieren?

Mk: (lacht) Nein, Gottseidank sind diese Zeiten vorbei. Wir haben seit einigen Jahren eine solide, wenn auch bescheidene Finanzierung. Ein schlagkräftiges Team arbeitet hier zusammen unter dem Dach eines Fördervereines namens Freundeskreis des ABO. Durch gute Planungs- und Werbearbeit besteht heute ein Etat, mit dem sich die jeweilige Konzertphase sicher vorfinanzieren läßt. Wir machen jetzt schon fast vier Jahre lang das gleiche Planungsschema, welches sich wunderbar bewährt. Voraussetzung sind drei Wochenendarbeitsphasen, denn die Mitwirkenden kommen aus sehr verschiedenen Teilen von Bayern. Jeder der mitmachen will muß zu 100% Zeit haben, sonst geht es nicht. Das Ergebnis dieser im Monatsabstand durchgeführten Arbeitsphasen wird dann in drei Konzerten präsentiert. Sie sehen, wir haben hier ein klares Konzept mit einer überschaubaren Belastung für jedermann. Und jeder - ich eingeschlossen - weiß von vorneherein, daß die eingebrachte Leistung von allen geteilt wird und damit ein effizientes Arbeiten ermöglicht wird.

Red.: Der erreichte Leistungsstandard wurde in den vergangenen Jahren auch vom Bayerischen Rundfunk anerkannt.

Mk: Ja, in den Jahren 95 und 96 konnten wir an je einem Produktionswochenende im Studio 1 des BR jeweils einen Teil des Jahresprogrammes unter idealen Bedingungen produzieren. Als Frucht dieser Zusammenarbeit entstand eine CD mit diesen Aufnahmen, die im Februar hergestellt wird und dann auf dem Markt erhältlich sein wird.

Red.: Ich denke, wir können uns unter diesen Vorzeichen in die Reihe der Gratulanten einreihen und wünschen Ihnen und Ihrem Orchester auch für die nächsten 20 Jahre viel Glück. Wir danken Ihnen sehr herzlich für das Gespräch.


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