Die Konzertkritik (Miesbacher Merkur 13.3.98)



Konzertante Leistungsschau • Akademisches Blasorchester brillierte in Bad Wiessee


Wie ein attraktiver Rechenschaftsbericht wirkte der Auftritt des Akademischen Blasorchesters München in Bad Wiessee: mit 60 Instrumentalisten eindrucksvoll, in allen Registern gut und ausgeglichen besetzt, das "Holz" mit Alt- und Baßklarinette komplett, das "Blech" mit vier Streichbässen traumhaft klangschön abgerundet. Erfreulich war die Zahl der Mitwirkenden aus der Region und modellhaft das weitgefächerte Programm.

Im Konzert weckte dieses Ensemble aus Amateuren mit seinen professionellen Leistungen helle Begeisterung im vollbesetzten Hotelsaal Zur Post, und solche Zustimmung konnte man schon erahnen, wenn man das Programm studierte.

So erhielt bereits die Ouvertüre zu Giuseppe Verdis Oper "Die Macht des Schicksals" programmatische Züge und verband eine Vortragsfolge, die von der Romantik bis zur Gegenwart und von ausdrucksgeladener Bekenntnismusik bis zur Unterhaltung nobelster Art einen farbig leuchtenden Bogen spannte.

Wie natürlich, von Energie und Vitalität erfüllt gerade moderne Musik sein kann, konnte man schon an der dirigentischen Bravour ablesen, mit der Michael Kummer etwa die vielen Taktwechsel souverän signalisierte. Dessen ebenso gezielte wie gewandte Zwischentexte aber schufen, von Werk zu Werk, ganz persönliche Kontakte zu einem aufmerksamen und dankbaren Publikum. Denn es bedurfte in der Tat einer verbalen Interpretation besonders im Kernstück des Programmes, "Dona Nobis Pacem", 1995 vom 30jährigen Martin Ellerby komponiert. Mit dem allgültigen Choral-Thema "O Haupt voll Blut und Wunden" und den vehementen Kontrapunkten instrumentaler Kriegsgemälde, mit aller Schroffheit moderner Klangmittel realisiert, wurde dieses englische Auftragswerk von den äußerst flexibel und gewandt wirkenden Musikern eindringlich zu Gehör gebracht.

Zuvor hatte Respighis "Huntingtower", als impressionistisch-gespenstische "Ballade für Blasorchester" die rechte Einstimmung gegeben. Auch nach der Pause klang das Schicksals-Thema weiter und brachte mit "Drei mexikanischen Gemälden" Frühling und Menschenopfer als heidnische Gottheitsbeschwörung in Verbindung.

Von der christlich orientierten "Prozession mit Maria vom Tau", für Symphonie-Orchester von Joaquin Turina komponiert und im Blasorchester-Arrangement von Alfred Reed, erschien ein Durchbruch von der Gewalt des Schicksals zur Macht der Freude vorprogrammiert, mit Alfred Reeds "El Camino Real" 1985, als "Lateinamerikanische Fantasie" ebenso gehaltvoll wie gefällig und bläserisch sinfonisch in Szene gesetzt. Daß sich erst nach zwei Zugaben die Zuhörer zufrieden gaben, mag wie ein Nachhall in den Herzen der Musikfreunde, der virtuos agierenden Instrumentalisten und der aufnahmebereiten Besucher, weiterklingen.

Ferdinand Mahl